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Süddeutsche Zeitung 04.01.99 Feuilleton
home Künstler, Linker und Großbürger 

Erinnerungen an den Komponisten und Intendanten Rolf Liebermann, der 88jährig in Paris starb 

In Rolf Liebermanns künstlerischer Existenz mischte sich Verschiedenstes spannungsvoll. Als er, zu Beginn der fünfziger Jahre, kein Genüge mehr darin fand, unternehmungslustiger Schweizer Rundfunkredakteur zu sein – da präsentierte er sich der deutschen Musik-Öffentlichkeit beim Avantgarde-Festival in Donaueschingen. Dann übernahm er die Musikabteilung beim NDR in Hamburg. 1958 begann seine ungemein folgenreiche, fast legendäre Hamburger Staatsopern-Intendanz. Zwischen 1973 und 1980 hat Liebermann der Pariser Oper mannigfache große Abende ermöglicht. Noch später in Genf den„Parsifal“ kühn als Atomstück inszeniert. Eine zweite Hamburger Intendanz, wo er als Nothelfer einspringen sollte, funktionierte nicht so gut . . . Trotz heftiger Beanspruchungen – denn immer wollte er die Forderung des Tages erfüllen, dabei aber die ästhetischen Forderungen des Jahrhunderts und der Kunstwahrheit nicht versäumen – gelang es ihm, seine kompositorische Existenz durchzuhalten. Noch als Siebzigjähriger und später brachte er mehr Uraufführungen eigener Sachen heraus als zuvor. Doch welches Thema liegt allen diesen Variationen des Liebermannschen Lebens zugrunde? Wie war er? 

In Donaueschingen, beim Festival der Neuen Musik, irritierte und faszinierte Liebermann die jungen deutschen Musik-Intellektuellen. Er hatte nämlich ein „Concerto für Jazzband und Sinfonie-Orchester“ geschrieben – ohne sich darum zu kümmern, daß eine solche Mixtur laut Adorno verboten war, weil „die Tendenzen des Materials“ dergleichen nicht zuließen. Die Sache funktionierte tatsächlich nicht gut, provozierte aber munteren Radau. Da ging es anders als bei Liebermanns Oper „Leonore 40/45“. Von deren Uraufführung erhoffte er sich, zumindest, einen „Skandal“. Aber nicht nur, wie er später lächelnd einräumte, eine „Beerdigung“ . . . Für seine große Klaviersonate setzte sich seinerzeit der Pianist Geza Anda passioniert ein. Übrigens flüsterte man sich damals zu, dieser Liebermann sei sehr „links“. Sei vom genialen und wilden Dirigenten Hermann Scherchen beeinflußt. Habe sozialistische Songs komponiert. Auch das Marschlied: „Wir sind die Internationale Brigade“. Liebermann bekannte sich entschieden zum Sozialismus. Nicht zum Stalinismus – aber doch zu einer linken Mentalität, die dem geborenen Zürcher gewiß nicht in die Wiege gelegt war. „Ein toller Kerl“ – dachten wir Donaueschinger Hörer. Aber: Wirkte er für einen Komponisten mit sozialistischen Abgründen nicht doch – etwas zu elegant? 

Ein Jahrzehnt später, in Hamburg, wurde er zum berühmtesten Opernchef Deutschlands. Sein Geheimnis war zeitraubend: Er wachte wirklich Abend für Abend in seinem Opernhaus. Delegierte nichts Wesentliches. Entdeckte den Placido Domingo. Bis, wie er sagte, er ihn nicht mehr bezahlen konnte. 

Liebermann mutete seinem Publikum viel 20. Jahrhundert zu. Als er aber „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ aufs Programm setzte, gab es enorme Brecht-Boykotte und Skandale, die gewiß auch mit dem Abscheu wegen des damals gerade erfolgten DDR-Mauerbaus zusammenhingen. Liebermann bat mich um einen schützenden Programmheft-Beitrag über Brecht und Mahagonny. Bei der Premiere erstaunte, daß der längst berühmte, reiche Liebermann keineswegs wie ein todsicherer, souveräner Prinzipal wirkte, lächelnd über die Hysterien der öffentlichen Meinung. Nein: Er liebte sein Theater so, daß er wirklich Angst hatte. Für einen unternehmungslustigen Theaterleiter schien er: etwas zu nervös. Aber er wußte halt, was auf dem Spiel stand. 

Seriöses Schlitzohr 

Nie erlag er den Versuchungen eines modischen Populismus. Ideologische Anbiederung bei der klassenlosen Gesellschaft der Banausen verachtete er. Auf Borniertheit und flotte Unbildung reagierte er scharf: „Die Leute haben zu wenig Bildung, es fehlt ihnen jegliche Grundlage für dieses Buh“ – wagte er zu sagen. Aber auch: „Manchmal erschrickt man, was das Publikum alles schön findet.“ 

Schön konnten die Premierenbesucher in Genf – wo Liebermann 1982 den „Parsifal“ inszenierte – das Bühnengeschehen schwerlich finden. Liebermanns noble (eigentlich auch nachahmenswerte) Überzeugung war, als Intendant, im eigenen Haus, nie eigene Sachen aufzuführen, nie auch selber zu inszenieren. Man solle, befand er, nicht im eigenen Hause Geld verdienen, soll in jeder Weise den Schein – die Geldnote wie den Anschein – meiden. 

Als er in Genf den „Parsifal“ auf die Bretter brachte, hatte bereits vor Handlungsbeginn ein Atomschlag stattgefunden! Überlebende, Beschädigte, Versehrte krochen in Phantastisch-Geborstenem herum. Während der ersten Verwandlungsmusik wurde Hiroshima-Entsetzen auf den Vorhang projiziert. Liebermann nutzte die einzigartige Langsamkeit der Parisifal-Musik dazu, gleichsam in die vom Zeitverlauf gewährten Lücken moderne Anspielungen und Assoziationen zu fügen. Auf diese Weise unterwarf er den „Parsifal“ einer heftigen Zerreißprobe, welche das Werk, plötzlich magisch-becketthaft wirkend, zumindest im ersten Akt aushielt. Es war aufregend. Man staunte. Und dachte bewegt: etwas zu kühn. 

Gewiß gelang auch einem Liebermann keineswegs alles. In Paris, wo Pompidou ihn großzügig walten ließ, half selbst großes Geld nicht dazu, den „Ring des Nibelungen“ zu schmieden. Peter Stein und Klaus Michael Grüber hatten eher mäßig begonnen mit „Rheingold“ und „Walküre“. Dann aber bewirkte nicht der Alberich, sondern der Teufel das Scheitern der Unternehmung. Und Liebermann haderte heftig mit Everding, der vorsichtig ausgestiegen war: „Mir sagt man keinen ,Ring‘ ab.“ 

Mit seiner Intelligenz, seiner Professionalität und seiner Lebensart konnte Liebermann, falls er nur wollte, alle Welt bezaubern. Gleichviel, ob er Ingmar Bergman und dessen „Zauberflöte“ kundig bewunderte oder mit einzigartiger Gerissenheit sogar einen Strawinsky manipulierte. Als Liebermann, zu Strawinskys 80. Geburtstag, 1962 in Hamburg ein großes Fest veranstaltete, kam der alte Meister und dirigierte seinen „Apollon musagète“. Und das war überhaupt nicht selbstverständlich! Strawinsky hatte Liebermanns Einladung zunächst angenommen. Doch dann bekam er eine Offerte aus Rußland. Natürlich wollte der Achtzigjährige lieber in die alte Heimat. Den Sirenenton gibt es noch nicht, einen Strawinsky von Moskau nach Hamburg zu locken. Liebermann wußte das auch – ging also indirekt vor. Nicolas Nabokov, ein Vertrauter Liebermanns wie der amerikanischen Präsidentenfamilie, der Kennedys, dieser Nabokov wurde von Liebermann aufgestachelt, doch eine Präsidenten-Einladung Strawinskys in die USA zu erwirken. Plötzlich hatte der Komponist zwei schlimm konkurrierende Angebote: Moskau und Washington. Er durfte und wollte niemanden kränken. Entschloß sich also, wie von ungefähr, Liebermanns Hamburger Einladung doch anzunehmen. 

Liebermann hat sich über die Jahrzehnte hin darum bemüht, musische Dinge zu retten und zu befeuern. Er war nie Glasperlenspieler, wich dem Jazz nicht aus. Verachtete aber amüsante Unverbindlichkeiten, brillante Atemlosigkeiten, platte Events. Wollte mit den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts leben und große Kunst vermitteln, statt sie läppisch zu verspielen. Ein Schlitzohr im Namen der Kunst. Aber auch bescheiden angesichts ihrer Würde. „Nennen Sie mich einfach Musiker“, sagte der Vielgeehrte. Das tut nun die Welt dankbar, wenn sie sich vor dem Toten verneigt. 
JOACHIM KAISER 

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