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Margarete Steffin und Bertolt Brecht, 1941. Foto von Ruth Berlau
Ein Versuch der Aufzählung seiner Stücke zu Brechts Geburtstag 1941

von Margarete Steffin.

1

Seit Wochen schwimme ich auf dem Fieberschiff. Es steigt schrecklich auf und ab. Mir ist so schlecht, so schlecht. Ich will ans Ufer der Gesundheit, aber das Schiff legt nie an. ich springe in das dunkle Wasser. mit Fischnetzen, mit Angelhaken holen sie mich zurück. Ich frage angstvoll, ob es keine Rettung gibt? Ja! sagen die Wächter, wenn ich eine Frage wahrheitsgetreu beantworte.
  Welche Frage? Wem? Rasch, rasch! Walcher Frage!
  Komm, sagen die Wächter und führen mich in den Bauch des Schiffes.

2

Auf lngen Wartebänken sehe ich durch einen Nebel Menschen, viele. Männer und Frauen. Ich frage einen Wächter: Wer sind sie? Er sagt, mit einem Gemisch aus Ehrerbietung und Verachung: Schauspieler! Und was wollen sie von mir? Die
Role!
  Ihre gierigen Augen fressen an mir. Ihre Stimmen sind heiser vor Aufregung. Sag uns, welches die Rolle ist, dann kansst du gehen.

3

Ach! Ich atme auf, und schon lockert das Fieber seinen Würgegriff. Heiter fast frage ich: Für einen Mann oder für eine Frau?
  Für eine Frau! schrein die Frauen.
  Für einen Mann! schrein die Männer.
  Gut, es gibt in weinen Stücken genug Rollen für euch alle, sag ich, um sie zu beruhigen, wie man einem Wolf etwas hinwirft, wenn er schon den Mann auf dem Schlitten anspringen will.
  Ich habe auch nicht Ziet nachzudenken, ich muß rasch rasch rollen nennen, und ich nenne den armen Edward, die ärmere Königin Anna. Garga, den ich nie verstand er ist doch eine Rolle?, Galy Gay, den einfachen Packer vom hafen mit dem weichen Gemüt, der sich in die menschliche Schlachtmaschine verwandelte wegen einer Gurke, die er nicht zu kaufen wagte, das Sodom und Gomorrah Leokadja Begbick. Kragler, Anna!...
  Einer ruft finster dazwischen: Aha! Paule Ackermann nennst du uns nicht! und nicht Jenny, nicht diese Begbick! die auch eine Leokadja ist, ist sie die gleiche?
  Peachum! rufe ich laut, um ihn zu übertönen - da weiß ich mich auf sicherem Grund. Frau Peachum! Macheathe! Polly!
  Dann sage ich langsam, dennn teurer ist sie mir als alle, die ich nannte: Pelagea Wlassowa!

4

Darauf schweigen sogar sie für kurze Zeit. Dann fragen sie aber: Und weiter?
weiter? und ich sage: Ja, weiter?
  Wir wollen es dir leichter machen, sagen die Frauen - sie können doch nicht meinen, sie seien zu kurz gekommen bis jetzt? -, nenne uns das Stück, das dir das liebste ist!

5

Das ist leicht! antworte ich. Natürlich...
  Und plötzlich scheint mir, ich sehe hinter einen halbhohen Leinenvorhang. Einen, den ich doch aus den Berlinter Theatern kenne, aber ich weiß, hier ist keine Bühne. Darf ich dahinter sehen? frage ich. Und wenn ich nie mehr vom Schiff dürfte, ich weiß, ich muß dahinter schauen! Wohinter, sagen sie. Da ist nichts. Hinter den Vorhang, sag ich. Vorhang? Wir haben keinen. Denn dort! Geh schon, da!
  Nur einen kleinen Spalt weit nehme ich ihn auseinander, nur einen Moment habe ich hingesehen und doch alles erblickt. Ich muß den Vorhang fallen lassen. Mir ist, als ob mir das Blut in den Adern gerinnt. Ich kann nicht sprechen, das Wort ist mir im Halse erstickt. Aber ich bin verloren, wenn ich nicht spreche!
  Nun, sagen sie ungeduldig, welches Stück ist dir das liebste?
  Da stürtzt mir erlösendes Wasser aus den Augen. und schon kann ich mit lauter Stimme sagen:
  Die Johanna. Die Rundköpfe und die Spitzköpfe. Mutter Courage und ihre Kinder. Der Galilei. Der gute Mensch von Sezuan!
  Alle Stücke, die durch die Ungunst der Zeit nie eine Bühne gesehen, sie sind mir die liebsten!
  Gib sie uns, schreien sie. Gib sie uns! Wir brauchen doch Stücke!
  Ach, ich könnt sie nicht spielen! Nicht geduldet wird, daß man die Wahrheit sagt, und diese Stücke sagen die Wahrheit! Sei sie noch so sorgfältig verkleidet, jene erkennen sie gleich!
  Ach, ihr könnt die Stücke, die die großen Rollen für euch bergen, erst spielen, wenn es anders wird, aber wie, wenn es nur anders wird dadurch, daß ihr sie spielt?
  Und der schwnkende Boden unter mir öffnet sich und ich falle, falle, falle.
 
 
Margarete Steffin. Konfutse versteht nichts von Frauen: nachgelassene Texte.
Herausgegeben von Inge Gellert; mit einem Nachwort von Simone Barck und einem dokumentarischen Anhang. l. Auflage. Berlin: Rowohlt, 1991. 366, [1] p. : ill. ; 21 cm.
Bertolt Brecht. Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 26. Journale 1. Berlin und Frankfurt am Main 1994.
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