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Lausitzer Rundschau Online
Kultur
Ausgabe vom: 23.02.1999
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Kämpfen bis ans Ende 

Brechts Tochter Hanne Hiob las im Senftenberger Theater 

Von KLAUS TRENDE Da war sie, ganz in Schwarz, schmucklos, klar, konzentriert, das graue Haar streng nach hinten, ein unbändiges Feuer in den Augen, die Tochter des berühmten Dichters und Theatermannes. Erinnerung als Schwerstarbeit, deutsche Geschichte, deren Tatsachen nicht durch die Zeit verklärt werden können, Namen als Grenzsteine für den menschlichen Denkhorizont: Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen, ­ dies am Sonntag zu erleben beim '99er Start der Lesereihe in der Neuen Bühne Senftenberg.

Zu Gast: Hanne Hiob, die Tochter Bertolt Brechts. Gemeinsam mit der Gitarristin und Sängerin Gaby Klees gestaltete sie ein Programm von betäubender Härte. Letzte Briefe aus Konzentrationslagern und antifaschistische Lieder. „Wir können verlieren, aber wir dürfen niemals aufhören zu kämpfen“, sagte Hanne Hiob im RUNDSCHAU-Gespräch. 

Zerbrechlich, aber ungebeugt, ohne Pathos, spröde und schneidend liest die 76jährige Schauspielerin aus München Texte, die an Lebensdramatik kaum zu überbieten sind, eine Chronik, geschrieben im November 1944 in Auschwitz, gefunden unter der Asche des Krematoriums, die aufgeschriebene Rede des jüdischen Mädchens in der Gaskammer, kurz vor dem Regen des Zyklon B, und zur Gitarre singt Gaby Klees das polnische Wiegenlied: „Schlaf ein, mein Kind, es war ja nur Traum“. 

Denn als Wirklichkeit ist es nicht zu fassen. Von einem deutschen Philosophen stammt der Satz, nach Auschwitz sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben. Hanne Hiobs Lesung ist eine Hymne menschlichen Elends und humaner Größe, bei der das Blut in den Adern gefriert. 

Dann eine Notiz aus dem Ghetto, der Brief vom siebten April 1943, wo eine Jüdin erlebt, wie ihr Mann getötet wird, und sie fragt: „Warum können wir nicht schreien?“ Die Worte versagten nicht nur den Opfern, die ihre Massengräber selbst schaufelten. Hanne Hiob liest authentische Botschaften, wie die Leute aus Galicien, die SS im Rücken, ins Grab steigen mußten, die Leichen zu stapeln, um den Platz für ihre eigene Hinrichtung zu bereiten. „Es liegt an uns, ob wir sie noch erkennen, bevor sie sich mit neuem Blut beschmieren“ mahnt die Sängerin das zahlreiche Publikum, bevor die Brecht-Tochter ihr Credo spricht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, unsere Demokratie hat sich Alibis geschaffen, aber die Mörder kamen nach 1945 wieder in höchste Stellen. . .“ Es folgen die Namen, nachprüfbar, hörbar, erkennbar. Es soll nie wieder jemand sagen, er habe es nicht gewußt. 

„Die Opfer sind tot und vergessen“, sagt Hanne Hiob, „während die selbsternannten Heimatschützer in Deutschland schon wieder die Ausländer in den Tod treiben.“ Zum Schluß der Song von Brecht, die Kinderhymne für alle: „Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand/ Daß ein gutes Deutschland blühe/ Wie ein andres gutes Land.“ Applaus, Blumen, Ratlosigkeit. Eine Frau aus dem Publikum steht auf: „Wir sollten jetzt gemeinsam sehr still sein, und dann nach Hause gehen und uns fragen, was wir morgen tun müssen.“ 

© LAUSITZER RUNDSCHAU