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Lausitzer Rundschau Kultur  Ausgabe vom: 31.05.1999
Gisela May, 1969.
 

Grande Dame mit Krawatte oder Kittelschürzen-„Muddi“

Die Schauspielerin und Diseuse Gisela May feiert heute ihren 75. Geburtstag

Von ADN-Korrespondentin CLAUDIA PIETSCH
„Chansons kommen im deutschen Fernsehen und auch im Radio so gut wie nicht mehr vor.“ Das sagt die Schauspielerin und Diseuse Gisela May, die heute ihren 75. Geburtstag feiert, nicht einfach so dahin, sie hat auch gleich ein Beispiel parat. „Kürzlich lud mich die NDR-'Schaubühne' ein. Das Gespräch über mein Leben war nett ­ aber die Musik. . . nur Schlager“, bedauert Gisela May im Gespräch mit der Nachrichentenagentur ADN. Zum Jubiläum wünscht sie sich Gesundheit und viel Arbeit mit jungen Menschen ­ Workshops und Meisterkurse, wie sie sie gerade in Ulm und Zürich gegeben hat. 
Gisela Mays künstlerische Biographie ist mit den Namen Bertolt Brecht, Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau eng verknüpft. Zu ihren überragenden Erfolgen gehört Brechts „Mutter Courage“ am Berliner Ensemble, die sie 13 Jahre gab. „Sehr froh“ ist die May darüber, daß sie sich parallel dazu auch musikalisch entwickeln konnte. Als Brecht-Interpretin hat sie internationalen Ruf, gastierte in ganz Europa, Australien, den USA und Kanada. Gefeiert wurde sie auch mit Texten von Kurt Tucholsky und Erich Kästner sowie Liedern von Jacques Brel. 1999 hatte und hat die May wegen des 100. Geburtstags von Erich Kästner viel zu tun. 2000 steht dann das Kurt-Weill-Jahr ins Haus. 

Die Bilderbuch-Karriere hat Gisela May oft „sehr froh“ gemacht, „sehr glückliche“ Momente aber waren selten. So nach einem Brecht-Konzert in Warschau: „Da kam eine Polin zu mir, die eigentlich nie wieder etwas mit der deutschen Sprache zu tun haben wollte. Ihre ganze Familie wurde von den Nazis ermordet. Mein Konzert hat sie umgestimmt.“ 

Ein Markenzeichen der May ist die Marotte mit der Krawatte. Woher diese kommt, weiß sie gar nicht so genau. Sie habe schon immer für Marlene Dietrich in Hosen, Smoking und Frack geschwärmt. Daher wohl die Liebe zum Binder. Den ersten ­ ein paillettenverziertes Stück kaufte sie in den 70ern in Paris. Jetzt sind es zwischen 40 und 50. 

Auch im DDR-Fernsehen war sie vielbeschäftigt: So war sie die Wassa Shelesnowa 1973 im gleichnamigen Film, spielte 1976 „Frau Jenny Treibel“ und wirkte in „Die Verführbaren“ (1977) mit. Eine Art Talkshow hatte sie schon, als es den Begriff kaum gab: Für das DFF moderierte sie ihre eigene „Pfundgrube“. 

Seit fast vierzig Jahren wohnt die Künstlerin in der Berliner Friedrichstraße. Die Treue zum Kiez ist vor allem praktischer Natur: „Ich wollte immer in der Nähe des Theaters wohnen, in dem ich gerade spiele.“ Deutsches Theater, Berliner Ensemble und Metropol-Theater liegen „dichte bei“. 

Für Gisela May war die DDR nicht so eng wie für andere. Sie reiste weit vor der Wende durch die Welt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb vermißt sie im Jahr zehn der Einheit einiges: „Solidarisches Gefühl für den anderen, nachbarschaftliche Hilfe und das Nicht-in-erster-Linie-nur-ans-Geld-denken gibt es nicht mehr.“ 

Einem breiten Publikum bekannt wurde Gisela May unter anderem durch die ARD-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ mit Evelyn Hamann („Sach' nich immer Muddi zu mir!“. „Ja, Muddi“). „Diese Rolle ist viel besser als immer wiederkehrende Selbstdarstellung“, sagt sie selbst zum Ausflug ins eher ungewöhnliche Fach. Ab und zu sei sie zwar „erschrocken“, wie sie als Rosa Müller Gräfin Kleditsch so daherkommt, Spaß hat sie trotzdem an ihr. Und wenn schon Mut zur Nervensäge, dann richtig: In der Serie trägt die Grande Dame statt Krawatte Kittelschürze. Eine eigene übrigens.

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