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Die Welt 07. 01. 1999
Einfallsfroh und einfallsfromm

Zum 100. Geburtstag von Francis Poulenc

 Von Klaus Geitel

  Er war ein großer Komponist und gleichzeitig ein liebenswürdiger Mensch. Das fällt nicht immer zusammen. Bei Francis Poulenc, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, bildete es eine fruchtbare Synthese, wie vor Jahrhunderten vielleicht nur bei Joseph Haydn.

  Poulenc war geistreich und fromm, witzig und nachdenklich. Er war weltläufig und salonerfahren, er war auf raffinierte Art schlicht. Schlichtheit erschien ihm gleichzeitig als  höchste Form von Raffinement. Er war musikalischer Plauderkünstler und leichzeitig Aphoristiker von scharf geschliffenen Graden. Er war belesen und dadurch allein schon für das Lied prädestiniert. Kurzum ­ Poulenc war durch und durch Pariser von Fleisch und Blut: mit Esprit gesegnet, zeitfühlig für alle Moden, die er überdies vorzog, nicht mitzumachen. Er war fleißig; einfallsfroh und einfallsfromm sozusagen.

  Anfangs schien es, als würde ein Meister der Zwinkermusik aus ihm werden, eines  Musikgeblinzels voller Koketterie, einer Leichtigkeit auch, deren höchstes Ziel es schien, leicht sein zu wollen. Dabei öffnete sich ihm der musikalische Himmel ebenso prompt wie seinem großen Kollegen Olivier Messiaen, doch dies, ohne mit der Glaubensramme berannt zu werden, ohne Angel- und Engelgequietsch. Poulenc sang, Gott zu ehren, eher in der Nachfolge eines Gabriel Fauré.

  Dabei war Poulenc rundum mit Dada-Wasser getauft. Er verstand sich auf intellektuelle Späße und sparte, zumal in seiner pfiffigen Kammermusik, nicht mit ihnen. Er war als junger Mann aus reichem Fabrikantenhaus ein bißchen in den Caves von Paris herumgesumpft ­ die sich später als so etwas wie die Caves du Vatican herausstellten. 

  Von den „Mamelles de Tiresias" bis zu den „Dialogues des Carmelites" ist es schließlich ein weiter Schritt. Poulenc ging ihn ohne innere und äußere Ängste. Tatsächlich scheint er ein Leben lang seiner selbst vollkommen sicher gewesen zu sein. Als Mitglied der musikalischen „Sechserbande", die Jean Cocteau zusammengeschmiedet hatte, Georges Auric, Arthur Honegger, Darius Milhaud gehörten ihr an, fiel Poulenc dem Ballettzaren Serge de Diaghilew auf, und der bestellte bei ihm ein Stück. 

  Poulenc schrieb für die „Ballets Russes" sein erotisch leicht verrätseltes Kose- und  Schmeichelballett „Les Biches", das Marie Laurencin auf ihre märchen- und mädchenhaft mondäne Art ausstattete. Bronislava Nijinska, die Schwester des großen Vaslav, setzte es choreographisch in Szene. Selten wurden einem erst 24jährigen Komponisten vergleichbare Ehren zuteil. „Les Biches" wurde ein Klassiker mit mehr als einem doppelten Boden.

  Dieses Doppelbödige wurde das Markenzeichen von Francis Poulenc. Dabei wurde von ihm jeder einzelne dieser Böden handwerklich sauber und verlockend gelegt, nur mußte man diese herausfordernd feine Arbeit zunächst einmal aus der Nähe betrachten. Doch dazu rafften sich, hypnotisiert von der Hochtourigkeit der internationalen Professions-Avantgarde, lange Jahre nur die wenigsten auf. 

  Als sie endlich die Augen aufschlugen und die Ohren aufsperrten, war Poulenc buchstäblich beinahe hinterrücks ein Klassiker geworden: einer der wenigen allseits geliebten, bewunderten Komponisten im abgelaufenen Jahrhundert der einander ablösenden Dauerexperimente. 

  Mit ihnen hielt Poulenc, obwohl von Schönberg, den er eigens in Wien besucht hatte,  fasziniert, sich nicht lange auf. Was andere zusammenstrudeln und geradezu erdreisten  mußten, fiel ihm offenbar stetig und mühelos, wenn auch nicht immer unangefochten zu. 

  Er war aller Welt immerfort auf irgendeine mehr oder minder lächerliche Weise verdächtig:  ein musikalischer Bruder Leichtfuß auf dem Marsch zum Himmel. Allen Zweiflern zum Trotz: Dort ist Poulenc angekommen. Er starb 1963 ­ in wachsenden Nachruhm hinein. 

  © DIE WELT, 7.1.1999

Berliner Morgenpost Donnerstag, 7. Januar 1999
HOME Der Meister der hübschen Musik

Bloß kein Pathos: Francis Poulenc zum 100.

Die Ehrenrettung für Francis Poulenc kam sehr spät. Als 1994 die Deutsche Oper seine «Dialoge der Karmeliterinnen», schon 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt, in Berlin auf die Bühne brachte, entdeckte die staunende Musikwelt ein Werk, das man gerade diesem Komponisten gar nicht zugetraut hatte. Poulenc - das war doch der übermütige Spaßvogel aus der «Groupe des Six», der die provokativen Thesen eines Erik Satie am getreulichsten auf das Notenpapier übertragen hatte?!

Hier zeigte sich der andere Poulenc, der gläubige Katholik, der gereifte Opernkomponist, der die tragische Lebengeschichte einer jungen Nonne, frei nach einer Erzählung von Gertrud von le Fort, ohne Witz und Parodie, dafür mit schlichter Eindringlichkeit zu einem Meisterwerk von seltener stilistischer Geschlossenheit geformt hatte - ohne dabei seinen Grundprinzipien untreu zu werden: Klarheit und Ökonomie der musikalischen Sprache.

Mit diesem Rezept hatte der blutjunge Poulenc, heute vor 100 Jahren in Paris geboren, schon in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Die «Rhapsodie nègre» von 1917, elegant auf der Exotikwelle mitschwimmend, war sein Gesellenstück; dann verbandelte er sich mit den Kollegen Milhaud, Honegger, Auric und Durey sowie Germaine Tailleferre zu jener Sechser-Gruppe, die sich vor allem in dem einig war, was sie nicht wollte: jenen spätromantischen Schwulst, der sich immer noch nicht von Richard Wagner abgenabelt hatte.

Statt dessen komponierte Poulenc mit dem Ohr am Puls der Zeit: freche Ballett-Suiten wie «Les Biches», hämmernde Klavierwerke, die am wenigsten den Einfluß des verehrten Igor Strawinsky leugnen sollten, witzig-melancholische Liedminiaturen, meist kaum mehr als 100 Sekunden lang, in denen Poulenc am liebsten auf Texte seiner Freunde und Altersgenossen Apollinaire, Max Jakob oder Paul Eluard zurückgriff.

Revolutionär war, was der Tradition zuwiderlief: einprägsame Melodik mit einer großen Portion französischen Parfums, klare Tonalität ohne dodekaphone Verirrungen - eine taghelle, sachliche Musik, die sich nicht im Vibrato schluchzender Geigen verlor. Nicht zufällig hat Poulenc lieber für Blas- und Tasteninstrumente komponiert. Originalität? Der erteilte er eine rigorose Abfuhr: Musik müsse, so verkündete er kokett, einfach hübsch sein.

Sein anderes Ohr lieh der Komponist den strengen Formen von Barock und Klassik, angefeuert von der großen Cembalistin Wanda Landowska, der er sein «Concert champêtre» von 1928 gewidmet hat. Vor allem mit seinen Instrumentalwerken wurde Poulenc auch in Deutschland bekannt. Nach 1933 jedoch war seine aufmüpfige Musik den Nazis wenig genehm, und nach 1945, als Schönberg & Co. auf den Sockel gehoben wurden, war für den Anti-Schönbergianer - wie für so viele seiner deutschen Kollegen aus den 20er Jahren - erst recht kein Platz mehr.

Der Nachholbedarf wird auch jetzt noch, 36 Jahre nach Poulencs Tod 1963, spürbar; immerhin hat die EMI aus ihren wohlbestückten Archiven mehrere dickleibige Kassetten zusammengestellt. In Berlin, das der Komponist erst 1956 bei einem Konzert mit seinem kongenialen Bariton-Freund Pierre Bernac kennenlernte, fühlte sich nur das Berliner Sinfonie-Orchester verpflichtet, wenigstens das Konzert für zwei Klaviere aufs Programm zu setzen. Die Deutsche Oper dagegen sonnt sich im Glanz von gestern; eine Wiederaufnahme der «Karmeliterinnen» in der bildstarken Inszenierung von Günter Krämer blieb ein frommer Wunsch.

Michael Horst

© Berliner Morgenpost 1999