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Berliner Zeitung tip: KUNST NOTIZ

Ein akzeptabler Mann?
-Paula Banholzer und BB.-

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LiteraTour der Frauenliebling und -liebhaber vorgestellt 

Mein Appetit ist zu schwach. Ich bin gleich satt!! Die Wollust wäre das einzige, aber die Pausen sind zu lang, die sie braucht! Wenn man den Extrakt ausschlürfen könnte und alles verkürzen! Ein Jahr vögeln oder ein Jahr denken! Aber vielleicht ist es ein Konstitutionsfehler, aus dem Denken eine Wollust zu machen; es ist vielleicht zu etwas anderm bestimmt! "Für einen starken Gedanken würde ich jedes Weib opfern, beinahe jedes Weib", notiert Bertolt Brecht 1927 in sein Tagebuch. Gewichtiges liegt hinter ihm: das Bühnenstück "Baal" und "Trommeln in der Nacht". Gewichtiges vor ihm: die "Dreigroschenoper" und "Mutter Courage", um nur zwei seiner Werke zu nennen. Einen Mangel an starken Gedanken wird der fast 30jährige also auch fortan nicht zu fürchten haben. Einen Mangel an Weib und Wollust ebensowenig. Brecht liebte die Frauen - und die liebten zurück, leidenschaftlich und bis zur Selbstaufopferung. Ob Ruth Berlau, Margarete Steffin, die junge Medizinstudentin Hedda Kuhn oder wer auch immer in der langen Liste der Freuden, sie alle hatten einen Narren gefressen am dienstmädchenverwöhnten Bürgersohn aus Augsburg, der mit seiner Überzeugungskraft und seinem poetischem Redeschwall auch die Standhaftesten zu becircen und schließlich an sich zu binden verstand. Und Brecht pflegte diese Bindungen, eine jede war ihm wichtig, was Helene Weigel ihrer Tochter gegenüber nur bestätigen konnte: "Dein Vater war ein treuer Mensch. Leider zu zu vielen." 

An der Ikone des Proletariats wird gesägt, und das nicht erst seit heute. Schon Marieluise Fleißers 1963 publizierte Er- zählung "Avantgarde" deutete Brecht als autoritären Magier, der Liebes- und Arbeitsbeziehungen miteinander verband und für sich ausbeutete. Und die feministische Kritik sieht in seinen Texten den patriarchalischen Mythos der "schlechten Frau" reproduziert. Ähnliche Wege beschreitet das neue Buch des amerikanischen Literaturwissenschaftlers John Fuegi, der in "Brecht & Co" die Großoffensive wagt und nachweisen will, daß der Sproß aus Augsburg nicht nur ein Lustfanatiker und wilder Spring-ins-Bett war, sondern seine ihm Willfährigen entscheidende Texte schreiben lies und die ihnen zustehenden Tantiemen vorenthielt. 

Aus Anlaß der bevorstehen-den Zentenarfeier am 10. Februar ist nun ein anderes Buch erschienen, das - sofern sich beide Publikationen überhaupt miteinander vergleichen lassen - konträr zu Fuegi steht und wohl als eine Art späte Liebeserklärung gelesen werden muß. Sabine Kebirs aktualisiertes Buch über Brechts Partnerbeziehungen (Erstdruck: 1987 in der DDR) wirbt um Verständnis für den großen Denker. Bei Kebir ist Brecht nicht der Supermacho im Proletarierdreß, sondern ein Mann in seinen Freiheiten und Schwächen, ein "akzeptabler Mann", der als "warmer und zärtlicher Liebhaber" gezeichnet wird, mit der Qualität, in der Frau nicht nur die Frau gesucht zu haben, sondern "den begabten, intelligenten und schöpferischen Menschen". Brecht, so eine der grandiosen Schlußfolgerungen der Autorin, "war aus Treue polygam". Andreas Burkhardt 

16.1.1998, 20 Uhr, Literaturfo-rum im Brecht-Haus: Sabine Kebir, Gina Pietsch, Jürgen Beyer: Deutschland gegen Bertolt Brecht. 

Sabine Kebir: "Ein akzeptabler Mann? Brecht und die Frauen", Berlin 1998, Aufbau-Verlag, 232 Seiten, 18,90 DM. ISBN: 3-7466-8028-X.

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