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Berliner Zeitung Feuilleton · 12.01.1999
HOME Die Dramaturgie des Endens 

Von Peter Uehling 

Am vergangenen Wochenende gab es Gelegenheit, den in Berlin nicht eben häufig gespielten Komponisten Mauricio Kagel genauer kennenzulernen, am Sonnabend veranstaltete das Konzerthaus einen Abend der Reihe "Woher Wohin", am Sonntag morgen hielt Kagel im Studiosaal der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" einen Vortrag. Die Koordination von Musik und Reflexion ist in dieser Form eine der schönsten Veranstaltungsideen dieser Zeit und wird in Zukunft unter anderem Christian Wolff und Helmut Lachenmann die Möglichkeit geben, sich dem Berliner Publikum vorzustellen. 

Selbstdarstellung im Vortrag oder im Gespräch ist für einen Komponisten der Gegenwart kaum minder wichtig als kompositorisches Handwerk, reizvoll ist daher die Idee, dem Komponisten im beigeordneten Konzert aufzufordern, Musik anderer Komponisten auszuwählen, die ihn beeinflußt oder beeindruckt hat oder die der seinen verwandt scheint. Das vom Dezembergast Wolfgang Rihm zusammengestellte Programm konfrontierte eine Vielzahl von Tendenzen des 20. Jahrhunderts in selten intelligenter Weise und war damit geradezu eine Einführung in die Neue Musik. Die von Kagel ausgewählten Stücke zeigen dagegen zwar erlesenen Geschmack, sie gehören aber erstaunlicherweise alle jener Umbruchszeit der zehner und zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts an und stammen von Komponisten, die nicht in vorderster Front der Moderne standen. Maurice Ravels "Chanson madécasses" sind zusammen mit den Mallarmé-Liedern und der Sonate für Violine und Violoncello gewiß seine avancierteste Partitur. Dem weithin gängigen Bild vom Orchesterzauber widersprechen diese Lieder durch ihre reizvolle Besetzung mit Singstimme, Flöte, Violoncello und Klavier und der Verlagerung des kompositorischen Interesses von der Harmonik auf den freien Kontrapunkt. Die Verbindung zwischen Kagels Musik und der Ravels oder Ferrucco Busonis ("Berceuse élé-giaque") drängt sich, gelinde gesagt, nicht gerade auf. 

Leos Janßceks Concertino für Klavier und Kammerensemble schlug da schon eher in die Richtung bizarren Humors ein, die man mit Kagels Namen verbindet. Drollig genug ist schon der Charakter des Stücks, seine harmonischen Experimente hängen mit dem parodistischen Ton zusammen, eine echte Kuriosität stellt jedoch der Umstand dar, daß vier von insgesamt sieben Instrumenten erst gegen Ende des zweiten von vier Sätzen das erste Mal spielen dürfen. Dem langen, untätigen Herumsitzen des halben Ensembles eignet auch eine szenische Komponente, die Kagel interessiert haben muß, denn in seiner Musik, gerade auch in der für den Konzertsaal konzipierten, tritt zur akustischen meist auch eine optisch wahrnehmbare Schicht dazu. 

Freilich, bei Janßcek dominiert der Tonsatz unangefochten die Struktur. Kagel vertraut der Tragfähigkeit einer kompositorischen Struktur jedoch nicht. In seinem Vortrag sprach er von der Problematik des Endens: Im Zeitalter der tonalen Musik hätte es sie nicht gegeben, die Kadenz hätte gleichsam aus eigener Kraft heraus ein Stück überzeugend beschließen können. Ohne Tonalität stelle sich die Frage, wie und warum ein Stück enden könne. Kagels Idee der "extramusikalischen Dramaturgie des Endens", gemeint ist die Kopplung der Musik an sichtbare Vorgänge, ist natürlich keine kompositorische Lösung des Problems, sie birgt zudem die Gefahr, das szenische Drumherum seiner Stücke für die Hauptsache zu nehmen. 

In Kagels "Finale mit Kammerorchester", das am Ende des Konzerts stand, balanciert die Musik virtuos zwischen einer Komposition im emphatischen Sinne und einer Collage aus Allusionen und Beinahe-Zitaten. Das Hauptereignis ist jedoch der gegen Ende zu Boden stürzende Dirigent, der dann bis zum Schluß des Stücks als quasi verstorben und reglos liegenbleibt. Die Musiker erheben sich und musizieren nach stockenden Ansätzen weiter. (Das Ensemble United spielte virtuos, es lag Peter Rundel.) Nun gut, aber was sollte das bedeuten? Kagels Vortrag half hier leider nicht weiter, er nutzte ihn sehr bald hauptsächlich dazu, einige seiner Stücke vorzustellen, ging aber leider nie ins ästhetische oder gar kompositorische Detail. Daß in Ermangelung von Thesen im Anschluß keine wirkliche Diskussion zustande kam, konnte nicht verwundern. 
 

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