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Berlin Online Berlin Berlin · 06. 01. 1999
HOME Effekte ohne Zwischenräume

Vor dem Berlin-Gastspiel: Die Deutschlandtournee der Peking Oper zeigt, was Kulturaustausch nicht ist 

Von Henrike Thomsen
Im Stadttheater Oldenburg ertönt ein Gong. Mit schneidend transparenten Tönen von Rasseln und Fiedeln  setzt sich das Orchester gegen die plüschige Gemütlichkeit des Saals ab. Ebenso schrill wie die Musik  trippeln und purzeln ausstaffierte Darsteller auf die Bühne. Die Peking Oper gibt zum Jahreswechsel ein Gastspiel. Das Ensemble, das tatsächlich vom Staatstheater der Stadt Peking stammt und als eines der besten gelobt  wird, ist bis Ende Januar erstmals in Deutschland. 

Die Tournee hat den höchsten politischen Segen. Ihren  Ursprung nahm sie 1997 in einem Ulmer Gastspiel unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Roman Herzog. Veranstalter sind die Ulmer WIV Promotion und  der in Berlin residierende Pekinger Kulturbeauftragte Qu Ping. Die Tournee dokumentiere, so der chinesische  Botschafter Lu Qiu Tian in einem Grußwort, wie sich der Kulturaustausch festige und werde helfen, die Kooperation zwischen den Völkern enger werden zu lassen. 

Ohne politischen Subtext 

Die Peking Oper ist eine populistische, auf Effekte kalkulierte Revueform. Doch die tänzerische Stilisierung und Typisierung der zumeist mythologischen Figuren soll durch menschliche Beobachtung ausbalanciert werden. In die unsichtbaren Zwischenräume der Pantomime können die Darsteller quasi zwischen die Zeilen eine Fülle kluger,  ironischer Kommentare auf die offiziell zelebrierte Moral und Hierarchie durchzeichnen. Doch in diesem Tourneeprogramm kommt kaum der  Erzählzusammenhang der vier gezeigten Szenen heraus, geschweige denn ein politischer Subtext. 

Gleich die erste Szene stellt dies traurig unter Beweis. Sie  zeigt eine Abenteuerepisode des Affenkönigs, der als listiger Wanderer und Kriegsheld im chinesischen Epos entfernt mit Odysseus verwandt ist. Von der augenzwinkernden Sicht des Epos sowohl auf die anarchische Dschungelguerilla der Affen als auch auf die Götter mit ihrem steifen Zeremoniell bleibt in der "Verwüstung des Himmels" nichts über. Ohne ihre Interpretationsfreiheit zu gebrauchen, liefern die Darsteller die Szene mit eben der braven Akkuratesse ab, über die sich die Figur des Affenkönigs lustig macht. Erst in der dritten Szene wird die Pantomime raffinierter. Sie erzählt den Zweikampf eines feinen Generals mit einem derben, harlekinähnlichen Angreifer. Mit subtiler Komik – sie verfehlen sich ständig im imaginären Dunkeln – zeichnendie beiden Darsteller die unterschiedlichen Charaktere. Sie integrieren Requisiten und Kostüme so in den Bewegungsablauf, daß sie wie eigenständige Charaktere die Dynamik der Szene vorantreiben und selbst noch das Umschlagen des Stoffs eine rhythmische Funktion erhält. 

Nur hier ahnt man, was die Darsteller wirklich können. In den anderen Szenen stoßen sie bei ihren Aufmärschen schon einmal zusammen oder lassen müde ihren Stock  fallen. Der Tourneefahrplan ist voll. Für Januar sind 22 Spieltage angesetzt, meist an jedem Abend in einer  anderen Stadt. In Oldenburg gibt es am Tag zwei  Vorstellungen, dafür werden kommentarlos zwei angekündigte Szenen (also ein Drittel des Programms)  nicht gespielt. Die deutsch-chinesische Kooperation hat hier jedenfalls eine solide kapitalistische Grundlage. 

Mit Brecht als Gewährsmann verkauft das Programmheftdiese müde Schrumpfform der Peking Oper auch noch als künstlerische Avantgarde. Dabei galt Brechts Kritik am "kulinarischen Theater" auch dem unreflektierten Exotismusgeschmack des Bürgertums, den er vor allem inder Oper verkörpert sah, und der von diesem Gastspiel ungebrochen bedient wird. Bei der Aufführung, für die sich Brecht 1935 in Moskau begeisterte, handelte es sich zudem vermutlich nicht einmal um Peking Oper. Der berühmte Mime Mei Lanfang zeigte damals auf seinen Auslandstourneen die ältere, literarisch anspruchsvollere Kunju Oper. Unter anderem hatte er zwei Szenen aus dem berühmten "Pfingstrosenpavillon" (1598) im Repertoire. Das Stück gilt als überragende gesellschaftskritische Studie. Ganz modern analysiert es,  wie Peter Sellars zu seiner Inszenierung für die Wiener Festwochen schrieb, "Traumstrukturen, gespaltenes Bewußtsein und die fragile Hoffnung, daß eine junge Generation einen mutigen Ausweg von der Bürde eines materialistischen alten Regimes findet". Sexualität wird ungewöhnlich offen behandelt. Die Erzählung kreist um das erotische Begehren eines jungen Mädchen, das hinter  dem Titelgebäude schließlich auch seine Erfüllung findet. 

Kein Pfingstrosenpavillon 

Auch der "Pfingstrosenpavillon" sollte jüngst auf Tournee kommen. Das Lincoln Center Festival in New York und das Pariser Festival d’automne hatten die Produktion in Auftrag gegeben, für die sich auch das Theater der Welt in Berlin und die Festspiele Baden-Baden interessierten. Den acht Monaten, die der Wahlamerikaner Chen Shi-Zheng mit dem Kunju Ensemble Shanghai probte, waren literarische und musikwissenschaftliche Studien vorausgegangen. Chen entwikkelte ein im Sinne Brechts avantgardistisches Regiekonzept, nach dem die Zuschauer mehrere Szenen simultan und die Darsteller beim Schminken und Ankleiden beobachten sollten. 

Die Kulturbehörden von Shanghai befanden die Inszenierung jedoch für zu frei. Sie zeige die voreingenommene Sicht eines Fremden auf das chinesische Volk, das als rückständig und abergläubisch dargestellt werde. Chen erklärte sich zu Änderungen bereit. Trotzdem kam wenige Tage vor der New Yorker Premiere Anfang Juli das endgültige Aus für die Produktion: sie sei "pornographisch und nicht  ideologiekonform". So ist es also um den Kulturaustausch bestellt.